Evidence doesn’t make decisions or solve specific problems. People do. (Denise M. Rousseau).

Frau Rousseau bringt es auf den Punkt. Forschungsergebnisse (und seien sie auch noch so überzeugend!) führen leider nicht automatisch zur Anwendung in der Praxis. Es gilt die goldene Brücke zu finden, um HRler mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu erreichen und sie von einer Umsetzung zu überzeugen, gar zu begeistern.

Begeisterung ist nach wie vor ein treffender Begriff für mein persönliches Verhältnis zur Psychologie als Wissenschaft im Allgemeinen und zur Eignungsdiagnostik im Speziellen. Fassungslosigkeit ist auf der anderen Seite eine gute Umschreibung für das, was ich empfinde, wenn ich resümiere, wie wenig die Erkenntnisse eignungsdiagnostischer Forschung Eingang in die Personalauswahl der Unternehmen gefunden haben.

Es gibt wie immer Sender und Empfänger, die beide dafür sorgen, dass der Transfer nicht funktioniert. Für mich war (und ist) es eine große Herausforderung, die richtige Sprache zu finden, um relevante Inhalte für die geneigten Praktiker & Anwender aufzubereiten. Psychologen müssen lernen (wie alle anderen Fachexperten auch), adressatengerechter zu kommunizieren. Sie müssen übersetzen, was z. B. prognostische Validität (=Vorhersagegüte) bedeutet und weshalb diese für die Personalauswahl eine entscheidende Zielgröße ist. In der Eignungsdiagnostik geht es um die Vorhersage von späterem Verhalten und dem damit verbundenen Erfolg am Arbeitsplatz.

Ich finde, vor einem solch komplexen Vorhaben sollte man Respekt haben. Gleichzeitig habe ich immer wieder den Eindruck, dass dieser Respekt weniger darin mündet, sorgfältig fakten- bzw. evidenzbasiert zu handeln. Da es sich in der Personalauswahl ja um Menschen und menschliches Verhalten handelt, scheinen all die empirischen und vernünftigen Ansätze außer Kraft gesetzt zu sein. Dann muss man auf einmal ein „Menschenkenner“ sein, um gute Entscheidungen zu treffen. Ich habe viel mit Ingenieuren zusammen gearbeitet – würden Sie deren Qualität daran festmachen, dass diese einfach „Maschinenkenner“ sind? Ich denke wohl kaum.

Die Herausforderung in der Psychologie ist, dass jeder Mensch über Themen aus dem Spektrum der Psychologie redet und sich mit diesen Themen in seiner individuellen Art und Weise auseinandersetzt. Jeder Mensch leitet Regeln aus sozialen Interaktionen ab und definiert daraus Prinzipien oder Faustregeln, die dabei helfen den Alltag zu verstehen. Dabei streben wir (ja, wir alle) eher nach Vereinfachung, einfach weil es sich im alltäglichen Handeln auch immer wieder bewährt. Der große Unterschied, der übersehen wird, ist Folgender: Nur weil ich mir eine Meinung über einen Kandidaten gebildet habe, heißt das noch lange nicht, dass ich Eignungsdiagnostik betreibe.

Wissenschaftlich arbeitende Psychologen müssen Ihre Erkenntnisse besser für Anwender übersetzen und die Relevanz und Gültigkeit noch klarer herausstellen. Praktiker brauchen auf der anderen Seite aber eine viel größere Portion Respekt vor der Anwendung einer empirisch-basierten und fundierten Personalauswahl. Die beiden Seiten sollten sich häufiger treffen.

Was denken Sie?