Für Bewerber gibt es viele gute, manchmal auch nur gut gemeinte Ratschläge, wie sie sich am besten auf ein Bewerbungsgespräch vorbereiten können. Die Vita kurz und bündig zusammenfassen zu können, gehört sicherlich zu den sehr Guten. Ebenso ist es von Vorteil vor dem Gespräch zumindest einmal auf der Unternehmenswebsite gewesen zu sein und zu wissen, ob der potenzielle Arbeitgeber Fertigbackmischungen produziert, in der Schifffahrtsbranche tätig ist, Bier vertreibt oder alles zusammen macht. Bei anderen Ratschlägen wird es schon schwieriger, besonders wenn diese von fragwürdigen Motivationsgurus oder selbsternannten Körpersprachendeutern kommen. Eine neue Studie hat nun eine Spielart näher untersucht: „Power Posing“ zur Interview-Vorbereitung.

Die Beurteilung im Bewerbungsgespräch

Bekanntlich hängt die Bewertung eines Kandidaten nicht ausschließlich von der tatsächlichen Qualifikation ab. Zum einen sind Recruiter, wie jedermann, nur zum Teil rationale Wesen. Weiterhin spielen dabei auch die soziale Wahrnehmung und nonverbale Signale eine Rolle. Bewerberratgeber schlagen Kandidaten gerne vor, sich keine übertriebene Mimik und Gestik anzueignen. Andererseits kann nicht nur die Wahrnehmung eines Recruiters durch Gestik beeinflusst werden, sondern tatsächlich auch die Leistung eines Bewerbers. Genau hier kommt das sog. „Power Posing“ zur Vorbereitung ins Spiel. Unter „Power Posing“ wird das Einnehmen einer Körperposition verstanden, die Macht ausdrücken soll. Verkürzt und etwas plakativ ausgedrückt: Bauch einziehen, Brust raus und Kinn hoch. Aber wieso soll dies einen messbaren Einfluss auf die Leistung haben?


Warum „Power Posing“ effiektiv sein kann

Der Zusammenhang zwischen „Power Posing“ und einer verbesserten Leistung erklärt sich durch ein komplexes Zusammenspiel von Physiologie, Endokrinologie und Psychologie. Das Einnehmen einer mächtigen Pose führt zu einem erhöhten Testosteronspiegel und einem Absinken des Cortisolspiegels, der mit Stressempfinden verbunden ist.
Dadurch steigt das empfundene Selbstbewusstsein wie auch die Risikobereitschaft. Zusätzlich wird abstraktes und handlungsorientiertes Denken gefördert. Dies führt dann letztlich zu Verhaltensänderungen, die sich etwa in Auswahl- oder Führungskontexten positiv auswirken können. So weit so gut. Als Kritiker allzu vereinfachender, häufig ohne hinreichende Datenbasis vorzeitig popularisierter Evolutionspsychologie nach dem Schema „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ schreit dies natürlich nach einem experimentellen empirischen Beleg.


Studie konnte Nutzen zeigen

Diesen Beleg hat jetzt eine Forschungsgruppe um die Sozialpsychologin Amy Cuddy von der Harvard University erbracht und die Ergebnisse der Studie im Journal of Applied Psychology publiziert. Hierfür wurden 61 Probanden zufällig zwei Gruppen zugeteilt, die entweder zuerst eine High-Power-Pose einnehmen sollten oder aber eine Low-Power-Pose (z.B. verschränkte Arme). Anschließend durchliefen diese je eine Interviewsituation. Als abhängige Variablen wurden dann die individuelle Leistung und berufliche Eignung („Hirability“) von unabhängigen Beurteilern eingeschätzt, die nicht wussten, zu welcher Vorbereitungsgruppe die einzelnen Probanden gehörten. Wie sich zeigte, wurde die Leistung von Personen der High-Power-Bedingung signifikant besser beurteilt wie die der Personen in der Low-Power-Bedingung. Gleiches galt für die Einschätzung der beruflichen Eignung. Des Weiteren zeigte sich, dass es insbesondere die nonverbale Präsenz war, die zu der besseren Bewertung führte.


Ist dies auch für die Praxis relevant?

Sicher sind viele Aspekte im komplexen Zusammenspiel zwischen so einfachen Manipulationen wie dem Einnehmen bestimmter Posen, der Biochemie und den Auswirkungen auf das Verhalten noch nicht vollständig verstanden. Zusammengefasst hat diese Studie aber gezeigt, dass auch relativ simple Bausteine zur Vorbereitung auf herausfordernde Situationen wie ein Bewerbungsgespräch funktionieren können. Die Autoren diskutieren hierzu insbesondere den Nutzen für Trainings von Bewerberkreisen, die es manchmal etwas schwerer haben. Die Kernergebnisse ihrer Arbeit kann man sich auch direkt von Amy Cuddy auf YouTube erklären lassen.


Orginalstudie

Cuddy, A. J. C., Wilmuth, C. A., Yap, A. J.; Carney, D. R. (2015). Preparatory power posing affects nonverbal presence and job interview performance. Journal of Applied Psychology, 100 (4), 1286-1295. http://dx.doi.org/10.1037/a0038543