Woran ist zu erkennen, ob es ein Kandidat im Bewerbungsgespräch mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt? Ein verdächtiges Blinzeln, erweiterte Pupillen oder ein krampfhaftes Aufeinanderpressen der Lippen? Gerade in Auswahlgesprächen, in denen Bewerber naturgemäß versuchen einen guten Eindruck zu hinterlassen und Recruiter sich nicht gerne „etwas vom Pferd“ erzählen lassen, werden Stellensuchende zwangsläufig Zielobjekt verschiedener Deutungsversuche ihrer Gesichtsmuskulatur. Ob es wirklich Anzeichen gibt, an denen sich Bewerber die zu dick auftragen erkennen lassen, hat jetzt eine neue Studie untersucht – mit eher ernüchternden Ergebnissen.


Interviewer tun sich generell schwer Täuschungen zu entdecken

Erst letztes Jahr konnte eine methodisch sehr gute Studie (wir haben berichtet) zeigen, dass sich Interviewer generell sehr schwer tun Täuschungsversuche im Bewerbungsgespräch zu entdecken. Es zeigte sich auch, dass manche Recruiter schlicht besser als andere darin waren „Fakern“ auf die Schliche zu kommen. Dies war aber nicht abhängig von der Erfahrung der Interviewer. Könnte es daher sein, dass einige Menschen schlicht besser sind im Erkennen und Deuten von “Faking”-Signalen? Und falls dies zutrifft, welche Signale sind es, auf die geachtet werden sollte?


Wie Micro-Expressions schon OJ Simpson enttarnten

Die Frage woran sich Unwahrheiten sprichwörtlich aus dem Gesicht ablesen lassen, beschäftigt nicht erst seit heute Forscher – auch wenn die Gründe hierfür verschieden und ethisch manchmal problematisch sind. Am bekanntesten ist hierbei sicherlich die Arbeit von Paul Ekman. Den Erkenntnissen des amerikanischen Psychologen zufolge lassen sich Unwahrheiten an sehr kurzen, kaum wahrnehmbaren Micro-Expressions erkennen. Interessierte Leser verweise ich hierbei gerne auf die Erklär-Videos des Meisters, wo er unter anderen auch OJ Simpson enttarnt. Laut Ekman gehen Micro-Expressions auf einen Reflex zurück, der durch die Unterdrückung von Emotionen hervorgerufen wird.

Von anderen Forschern wird der Zusammenhang zwischen Gestik, Mimik, Sprache und Unwahrheit damit begründet, dass es gewisser kognitiver Anstrengung bedarf, Fakten zu erfinden und insbesondere die Täuschung konsistent aufrechtzuerhalten. Die hier investierte Energie schlägt sich auf der Verhaltensseite etwa in größeren Antwortpausen oder bestimmten Gesten nieder.


Mimik und Gestik verraten nur wenig über Täuschung

Die wohl umfangreichste Arbeit zum Zusammenhang von Ausdruck und Täuschung legten 2003 eine Forschungsgruppe um DePaulo und Kollegen vor. Die Autoren scheuten keine Mühe und sammelten in einer Meta-Studie 158 potenzielle Signale aus über 100 Studien um einen Gesamtüberblick zu bekommen, wie man Lügnern auf die Schliche kommen kann. Tatsächlich hingen nur wenige Signale mit Lügen zusammen und die gefundenen Effektstärken waren zudem überwiegend eher gering oder bestenfalls moderat. Am ehesten waren Personen, die nicht die Wahrheit sagten im Gespräch weniger involviert, hatten tendenziell weniger Redeanteile, waren weniger auskunftsfreudig im Bezug auf Details und wiederholten sich häufiger. Allerdings entstanden die zusammengefassten Studien in sehr unterschiedlichen Kontexten und waren daher nicht auf den Recruiting-Kontext verallgemeinerbar.


Ausdruck im Bewerbungsgespräch wenig aussagekräftig

Eine brandaktuelle Studie aus Kanada machte sich nun daran, die in der eben zitierten Studie gefundenen Signale auf ihre Übertragbarkeit im Bewerbungsgespräch zu testen. Hierzu wurden 109 Freiwillige einer kanadischen Universität für einen fiktiven Job interviewt. Zum Kodieren der Mimik, Gestik und verbalen Signale wurden die Gespräche per Video aufgezeichnet. Nach dem Interview füllten die Teilnehmer einen Fragebogen zu verschiedene Täuschungsverhalten aus, die sie während des Gesprächs angewandt hatten. Diese wurden dann nach Zusammenhängen mit Mimik, Gestik und verbalen Komponenten untersucht.

Die Ergebnisse waren eher ernüchternd: Die einzigen Zusammenhänge zwischen Täuschung und beobachtbaren Anzeichen zeigten sich sehr schwach in der Tendenz weniger zu lächeln, den ein oder anderen Versprecher zu machen und einem etwas erhöhten Sprachtempo. Natürlich kann auch an dieser Studie methodisch bemängelt werden, dass sie in einem hypothetischen Setting stattfand. Allerdings konnten viele andere Arbeiten zeigen, dass sich Ergebnisse aus dem Labor sehr wohl ins „echte“ Leben übertragen lassen. Aber in Angesicht der geringen Effektstärken ist dies gar nicht der entscheidende Punkt.


Vorsicht bei vereinfachten Deutungsmustern

Die wichtigste Schlussfolgerung aus der Studie ist, dass es bei den sehr schwachen Zusammenhängen kaum möglich ist, anhand von Mimik, Gestik oder Sprachbild sicher abzuleiten, wer im Bewerbungsgespräch zu täuschen versucht oder nicht. Insgesamt ist das Zusammenspiel von Neurobiologie, psychischen System und individuellen Unterschieden doch so komplex, dass vereinfachte Deutungsschemata zwangsläufig nur dazu führen würden, vielen Personen zu Unrecht des Fakings zu bezichtigen. Auch die simplifizierte Deutung von Körpersprache ist in diesem Kontext sehr problematisch und wird bald in der Reihe #Trash-Diagnostik vertieft behandelt.

Literatur

DePaul, B. M., Lindsay, J. J., Malone, B. E., Muhlenbruck, L., Charlton K., & Harris, C. (2003). Cues to deception. Psychological Bulletin, 129, 74-118.

Schneider, L., Powell, D. M., & Roulin, N. (2015). Cues to deception in the employment interview. International Journal of Selection and Assessment, 23, 182 – 190.