In einem Anfall von geistigem Höhenflug stellte der Journalist Goleman fest, dass Intelligenz „nur“ ca. 25% der Unterschiede von Berufsleistung erklären kann. Folglich ist emotionale Intelligenz für die anderen 75% verantwortlich. Wahlweise kann emotionale Intelligenz an dieser Stelle auch ersetzt werden durch körperlich-kinästhetische „Intelligenz“, existenzialistische „Intelligenz“ oder eine ganze Reihe weiterer Intelligenzen. Wer dieser Argumentation folgen kann, sollte hier aufhören zu lesen. Für „alle Anderen“ beleuchtet dieser Artikel die Verblödung mit erfundenen Intelligenzen.

Intelligenz

Intelligenz bezieht sich klassisch auf die Fähigkeit abstrakte Konzepte zu erfassen, Analogien zu ziehen, logisch schlussfolgern zu können und Ideen schnell zu erfassen. Intelligenz ist näherungsweise normalverteilt. Das bedeutet, dass es Personen gibt, die überdurchschnittlich und solche, die unterdurchschnittlich intelligent sind. Banal ausgedrückt: Es gibt schlicht Menschen, die Dinge schneller erfassen als andere. Diese Unterschiede versuchen Intelligenztests zu messen. Erklärungen für diese Unterschiede liegen in der neuronalen Verarbeitungskapazität, sprich der Hirnleistung (neuronaler Effizienz). Auch ist bekannt, dass Intelligenz partiell genetisch veranlagt und somit vererbbar ist, wie Zwillingsstudien nahelegen (z.B. Nisbett et al., 2012). Intelligenz hängt stark mit beruflichem Erfolg (z.B. Schmidt & Hunter, 1998) und formaler Bildung (Asendorpf, 2007) zusammen. Zusammengefasst: Leider kann nicht jeder hochbegabt sein. Oder doch?

Multiple Intelligenzen: Jeder ist hochbegabt!

1983 stellte der US-Psychologe Gardner seine sog. „Theorie“ der „multiplen Intelligenzen“ vor. Zusammengefasst behauptete er einfach, es gebe sieben unabhängige „Intelligenzen“. Zum einen befanden sich in diesem Sammelsurium Bereiche wie die mathematisch-logische, linguistische und visuell-räumliche Intelligenz. Diese ähneln stark der verbalen, numerischen und logischen Komponente der meisten Intelligenzmodelle. Die „Theorie“ der multiplen Intelligenzen besteht jedoch noch aus anderen interessanten „Intelligenz“-Exemplaren wie die körperlich-kinästhetische „Intelligenz“ oder die interpersonale und intrapersonale „Intelligenz“. In späteren Versionen seiner „Theorie“ erwog Gardner zeitweise auch die Existenz einer naturalistischen „Intelligenz“, einer Laser-„Intelligenz“ oder einer existenzialistischen oder spirituellen „Intelligenz“. Gemeint war mit letzterer z.B. irgendeine vermeintliche Fähigkeit, spirituelle oder religiöse Gedanken verstehen zu können. Willkommen in Gardners Welt. Trotz einer gewissen Willkürlichkeit in der Herleitung und Auswahl dieser sog. „Intelligenzen“ sowie jedweder fehlender empirischer Evidenz stieß Gardners Gedankengebilde auf fruchtbaren Boden. Dies liegt Kritikern der „multiplen Intelligenzen“ (z.B. Locke, 2005; Rost, 2008) zufolge darin begründet, dass die Fans der vielen lustigen „Intelligenzen“ im Grunde keine wissenschaftliche, sondern eine politische Agenda verfolgen: Egalitarismus. Wenn es zig verschiedene Intelligenzen gibt, dann ist jeder irgendwo hochbegabt. Klingt doch fair, oder? Früher sagte der Volksmund „Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen“. Dank Gardner heißt es jetzt eben: „Wer nicht bis 3 zählen kann, ein Substantiv für eine exotische Speise hält und versucht beim Bäcker Blumen zu kaufen, für den lässt sich halt in einem anderen Intelligenzbereich eine Hochbegabung finden, z.B. bei der existenzialistischen Intelligenz oder eben bei der emotionalen Intelligenz“.

Was ist emotionale Intelligenz eigentlich unter all den anderen Intelligenzen?

Der Grundgedanke einer sozialen oder emotionalen Intelligenz tauchte bereits relativ früh in der psychologischen Literatur auf. Im Fahrwasser der multiplen Intelligenzen bekam die Idee allerdings erst richtig Aufwind. Aktuell postulieren Mayer, Salovey und Cartuso (2008), es handele sich bei der emotionalen Intelligenz um die Fähigkeit

  • Emotionen zu managen
  • Emotionen, ihre Sprache sowie die Signale, die durch sie gesendet werden, zu verstehen
  • das Denken durch Emotionen zu unterstützen
  • Emotionen in sich selbst und anderen akkurat zu erleben.

Ein praktisches Beispiel zum letzten Punkt: Bereits nach dem Lesen von wenigen Seiten in Goleman (1996), der das Konzept der emotionalen Intelligenz erst popularisiert hat, erlebte ich akkurat großen Zorn über seine Argumentation. Dies lässt also auf emotionale Intelligenz schließen.

Was bringt emotionale Intelligenz?

Goleman lieferte auch erstaunliche Einsichten in den praktischen Nutzen. Nicht nur erklärt die emotionale Intelligenz, warum aus Personen mit einem hohen IQ Amokläufer werden (der klassische Einzelfallbeweis: siehe dazu auch: „Warum Zigaretten gesund sind am Beispiel Helmut Schmidts“), sondern auch mal 90%, mal 85% und mal 75% in Leistungsunterschieden von Topperformern und mittelmäßigen Zeitgenossen.

Um zu untersuchen, inwieweit diese tollkühnen Überlegungen auch der Wirklichkeit entsprechen, müssen also Daten her und der „EQ“ (in Anlehnung an den IQ) einer Person muss gemessen werden. Hierfür gibt es ganz unterschiedliche Instrumente. Das bekannteste ist ein Tests namens MSCEIT (Mayer et al., 2003). Dieser soll die Wahrnehmung von Emotionen, Integration und Assimilation von Emotionen, das Wissen über Emotionen und das Management von Emotionen messen. Die grundlegende Frage für Praktiker ist jetzt, ob emotionale Intelligenz irgendeinen Erklärungswert in Bezug auf die Berufsleistung hat, den Intelligenz und Persönlichkeit nicht erfassen können.

Hierzu gibt es eine neue Meta-Studie (O’Boyle et al., 2011). Diese untersuchte den Zusammenhang zwischen emotionaler Intelligenz und Berufsleistung unter Kontrolle kognitiver Fähigkeiten (richtiger Intelligenz) und Persönlichkeit. Die Frage lautete also: kann emotionale Intelligenz irgendetwas am Berufserfolg erklären, was (richtige) Intelligenz und Persönlichkeit nicht erklären können? Das Ergebnis war relativ ernüchternd. Das MSCEIT erreichte eine inkrementelle Varianzaufklärung von 0,4% gerundet also 0% – was bedeutet, dass der Testwert im MSCEIT kein bisschen zusätzlichen Erklärungswert hatte. Er ist überflüssig. Zur Vorhersage von Berufsleistung ist die „emotionale Intelligenz“ also eher suboptimal geeignet und mit dem MSCEIT sogar so sinnvoll wie der Blinddarm für das Verdauungssystem. Einen kleinen praktischen Nutzen besitzt emotionalen Intelligenz dennoch: Immerhin besitzen eingekerkerte kriminelle Psychopathen mit mehr psychopathischen Symptomen niedrigere EQ Werte als eingekerkerte Psychopathen mit weniger psychopathischen Störungen.

Fazit: Ein Plädoyer für mehr Intelligenzen

Im Kielwasser von Gardner und seinen geistigen Jüngern gibt es nur eine konsequente Schlussfolgerung: Wir brauchen mehr „Intelligenzen“. Denn momentan gibt es vielleicht einige Individuen die dadurch benachteiligt sind, dass es für sie noch keine Intelligenz gibt, um als hochbegabt zu gelten. Immerhin gibt es mittlerweile schon die „sexuelle Intelligenz“ (Conrad & Milburn, 2002) oder die „Beziehungsintelligenz“, „kosmische Intelligenz“, „Moralische Intelligenz“ (Coles, 2008) und noch eine Reihe weiterer mehr oder weniger lustiger Intelligenzen. Vom Sektenguru bis zur Prostituierten ist da für jeden was dabei. Um den Intelligenzbegriff jedoch völlig zu verwässern, sind dies bei weitem noch zu wenige. Im Prinzip muss man einfach irgendwelche Verhaltensunterschiede mit einer ihr zugrundeliegenden Intelligenz erklären. Es lässt sich so auch sicherstellen, dass wirklich jeder einen Fähigkeitsbereich findet, in dem er hochbegabt ist. Kombinieren lässt sich dies auch mit dem Zeitgeist: Es wird dringender denn je Zeit für eine Facebookintelligenz (Brenner, 2014?), darauf folgt die Twitterintelligenz (Brenner, 2015?). Die Gültigkeit dieser Konstrukte wird dann eingeschätzt anhand der Anzahl an Freunden, Likes und Followern. Entsprechende Tests sind sicherlich bald erhältlich. Als allerletzte Krone der Schöpfung bliebe dann nur noch die „Intelligenz zu Erfindung von Intelligenzen“, sozusagen eine Meta-Intelligenz. Gardner und Goleman wären in diesem Bereich definitiv unschlagbar hochbegabt. Wir anderen Hochbegabten suchen uns dann einfach die Intelligenz heraus, die am lustigsten klingt – dann ist auch das Auswahlkriterium so absurd wie die „Intelligenz“ selbst.

Weiterführende Literatur

Asendorpf, J. B. (2007). Psychologie der Persönlichkeit. Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

Conte, J. M. (2005). A review and critique of emotional intelligence measures. Journal of Organizational Behavior, 26, 433 -440.

Goleman, D. (1996). Emotional intelligence.London: Bloomsbury.

Locke, E., A. (2005). Why emotional intelligence is an invalid concept. Journal of Organizational Behavior, 26, 425-431.

Rost, D. H. (2008). Multiple Intelligenzen, multiple Irritationen. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 22, 97-112.

Weitere zitierte Literatur gibt es gerne auf Anfrage.