Das letzte Jahrzehnt war reich an Beispielen, die drastisch verdeutlichen, wie essentiell die Innovationsfähigkeit für das Bestehen von Unternehmen und ganzen Wirtschaftszweigen ist. Handy- und Energiebranche sind nur zwei Beispiele von hyperkompetitiven Märkten, in denen es zu großen Umwälzungen kam und nur der überleben kann, wer kreative Einfälle hat. Da es ohne kreative Mitarbeiter aber keine innovativen Lösungen gibt, beschäftigt auch Personalpychologen die Frage, was kreative Köpfe auszeichnet und wie sich diese auch finden lassen. Der Mythos von Genie und Wahnsinn hilft hier nur sehr begrenzt weiter, oder sollen Recruiter gezielt nach Wahnsinnigen Ausschau halten? Eine neue Studie legt nun nahe, dass Kreativität durch bestimmte Wahrnehmungsverzerrungen (Biases) begünstigt wird.

Kreativität und Persönlichkeit

Schon lange vor der Erfindung des Hash-tags #disruptive gab es immer wieder schöpferische oder kreative Zerstörung, die ganze Wirtschaftszweige verschwinden ließ, aber eben auch neue schuf. Entsprechend groß ist das Interesse daran, was denn die kreativen Protagonisten ausmacht. In der Populärkultur wird gerne ein Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn hergestellt, der sich in Filmen wie “A Beautiful Mind” manifestiert. Auch werden gerne Künstlerbiographien, wie die des wohl bipolaren Malers Edvard Munch angeführt. Bunte Biographien, wie die des Van Goghs, nähren ebenfalls einige Mythen. Insgesamt gibt es aber wenig Hinweise darauf, dass es einen gesicherten Zusammenhang zwischen klinischen Störungen und höherer Kreativität gibt. Stattdessen gibt es wohl viele Einflussfaktoren: Hierzu zählen bestimmer Persönlichkeitstendenzen, divergente Denkmuster, Expertise und förderliche Umgebungen, die sich positiv auf kreatives Schaffen auswirken. Eine neue Studie hat untersucht, wie Innovatoren die Welt sehen.

Wie Kreative die Welt sehen

Der Jeremy Schoen vom Georgia Gwinnett College und seine Kollegen untersuchten Kreativität unter der Prämisse, dass bestimmte Wahrnehmnungsverzerrungen (Biases) einen wichtigen Einfluss auf die Kreativität haben und veröffentlichten die Ergebnisse im Journal of Management. Im Hinblick auf die relativ schwachen Zusammenhänge zwischen etablierten Persönlichkeitsfragebögen und kreativen Outputs, gehen die Autoren davon aus, dass eventuell auch nicht-beobachtbare Faktoren eine Rolle spielen könnten. Von besonderem Interesse hierbei waren selektive Wahrnehmungs- und Rechtfertigungsmechanismen. Dies bedeutet, dass Kreative die Welt, wie durch einen optischen Filter, mit ganz bestimmten Augen sehen. Diese Wahrnehmungstendenzen bilden dann die motivationale Grundlage für kreatives Schaffen. Diese sind im Überblick:

  1. Impact Bias: Zuerst soll die Wahrnehmung von kreativen Zeitgenossen dahingehend verzerrt sein, dass kleinere Probleme nicht als so klein und banal wahrgenommen werden, sondern als großes und persönliches Problem. Dies führt dazu, überhaupt Handlungsbedarf zu erkennen und aktiv nach neuen Lösungswegen zu suchen.
  2. Exklusivitäts-Bias: Zudem kommt eine Tendenz sich kleine exklusive Wissens- und Tätigkeitsnischen zu suchen. Durch diese Exklusivität werden dann Höchstleistungen möglich, die im Mainstream untergehen würden.
  3. Neuigkeiten-Bias: Als nächstes soll der kreative Innovator Neuem überwiegend positiv gegenüberstehen und eher skeptisch gegenüber Altherbrachtem sein. Dies ist verbunden mit der Tendenz das Risiko zu überschätzen, dass bei einer “weiter so”-Mentatlität entsteht. Das heißt, dass der Nutzen von Bewährtem schlicht unterschätzt und das Potenzial von Neuerungen eher überschätzt wird.
  4. Hartnäckigkeits-Bias: Innovatoren haben oft mit einer Vielzahl von Hindernissen und Widrigkeiten zu rechnen. Daher ist die Überzeugung und der kleine Bias wichtig, alle Hindernisse bei einer gewissen Persistenz als überwindbar wahrzunehmen.
  5. Laxer Umgang mit sozialen Normen: Zuletzt werden soziale Normen oder andere Richtlinien eher als verhandelbar und gutgemeinte Ratschläge wahrgenommen. Dies ermöglichst es auf Knock-out-Floskeln wie “Haben wir schon immer so gemacht” weniger entmutigt zu reagieren, erklärt aber auch warum Innovatoren gerne mal anecken.

Diesen Zusammengefasst fand die Studie einige Hinweise auf die Gültigkeit des Konzepts. Für die Recruitingpraxis wird es aber auch weiterhin kein Wundermittel geben, um das Genie mit hundertprozentiger Sicherheit zu identifizieren. Allerdings gibt dieser Ansatz weitere wichtige Impulse für die Personalauswahl und könnte genutzt werden um in Interviews mit entsprechenden Fragen, Hinweise auf Verhaltensmuster zu finden, die Kreativität erwarten lassen.

Literatur:

Schone, J. L., Bowler, J. L., & Schilpzand, M. C. (2016/01/13). Conditional reasoning test for creative personality: Rationale, theoretical development, and validation. Journal of Management, Online first publication. DOI: 10.1177/0149206315618012