Traum und Wirklichkeit klaffen bei neurowissenschaftlicher Forschung oft sehr weit auseinander – Haben die bunten Hirnbilder überhaupt einen (potentiellen) Nutzen für die Personaldiagnostik? Und wie wirkt sich der nobelpreisgekrönte Nachweis von Hirnaktivität in einem toten Alaska-Seelachs darauf aus?

„Neurowissenschaftler machen Gedanken sichtbar“, „Neurowissenschaftler machen Lügen sichtbar“. Die Verheißungen der neurowissenschaftlichen Forschung sind vielversprechend. Jedoch werden neue Erkenntnisse in der Tagespresse oft falsch oder maßlos übertrieben wiedergegeben.

In den Vereinigten Staaten gibt es mittlerweile den ersten kommerziellen Anbieter auf dem Gebiet: Die Firma No Lie MRI verspricht mittels functional magnetic resonance imaging (fMRI), Lügner an einem Blick ins Gehirn zu entlarven. Da liegt natürlich die Frage nahe, was die schöne neue Welt der bunten Hirnbilder noch alles tun könnte? Immerhin wäre es doch sehr verlockend, den Jérôme Kerviel unter den Bewerbern vorher zu erkennen, wenn eine einzige Fehleinstellung mehr kosten kann als ein Flächenland im Jahr für seine Universitäten ausgibt.

Bevor Recruiter jetzt aber einen 3 Tesla Scanner ordern, lohnt sich vielleicht doch einen Blick auf die Basics und den Stand der Forschung zu werfen: Was ist realistisch und was ist schlichte Utopie?

Woher kommen die bunten Bilder?

Functional Magnetic Resonance Imaging, kurz fMRI (früher auch Kernspintomographie genannt) ist nur eine von vielen Methoden der Neurowissenschaften, liefert aber zweifelsohne die spektakulärsten Bilder. Bei diesem Verfahren werden Personen in eine starke Magnetröhre geschoben.

In der Röhre richten sich die Atomkerne im Körper nach der Richtung des magnetischen Feldes aus. Zusätzlich werden elektromagnetische Wellen durch die Röhre geschickt, die die Atomkerne in Bewegung versetzen. Da sich unterschiedliche Gewebearten hinsichtlich ihrer chemischen Zusammensetzung unterscheiden, lässt sich letzten Endes ein räumliches Bild errechnen. So entstehen zuerst einmal anatomische Bilder.

Wenn Gehirnzellen arbeiten, verbrauchen diese Sauerstoff, welcher vom Blut geliefert wird. Sauerstoffarmes Blut ist ca. 20% magnetischer als sauerstoffreiches Blut. Im Zeitverlauf kann so visualisiert werden, wo und wann im Gehirn mehr Sauerstoff verbraucht wird. Die Amygdala ist beispielsweise eine Gehirnregion, der eine wichtige Rolle beim Entstehen von Emotionen wie Furcht zugeschrieben wird. Sieht also eine Person im Scanner furchteinflößende Bilder, verbraucht das Gehirn im Bereich der Amygdala mehr Sauerstoff als beim Anblick von neutralen Bildern. In Kombination mit den anatomischen Bildern lassen sich dann Aktivierungskarten erstellen.

Was am Ende übrig bleibt, ist meist die standardisierte Abweichung von der Durchschnittsaktivität in einem „durchschnittlichen“ Gehirn. Mittels eines Computerprogramms werden diesem dann bestimmte Farbschemata zugeordnet. Eines der am häufigsten verwendeten „durchschnittlichen“ Gehirne stammt im Übrigen von einer alkoholabhängigen Frau mittleren Alters.

IG-Nobelpreis für den Nachweis von Hirnfunktion bei totem Fisch

Was in der Wissenschaftsszene schon länger bekannt ist, wurde letztes Jahr durch die Verleihung des IG-Nobelpreises an der Harvard University gewürdigt. Dieser Preis wird alljährlich für besonders skurrile Forschung vergeben. Der IG-Nobelpreis 2012 für Neurowissenschaften ging an Craig Benett mit Kollegen, der dafür ausgezeichnet wurde, dass auch in einem totem Fisch (in diesem Fall war der Proband ein Alaska-Lachs aus dem Supermarkt) im fMRI Scanner Hirnaktivität messbar ist.

Doch was ist passiert? Methodisch bedingt kommt es bei fMRI Studien, wo in der Regel 130.000 Datenpunkte gleichzeitig gemessen werden, zu sog. false positive, also zufälligen Ausreißern. Um diese zu vermeiden, wird in aller Regel ein zusätzliches statistisches Tool eingesetzt (correction for multiple comparisons), was jedoch nicht von allen Forscherteams beherzigt wird. Somit dürfte es sich bei einem nicht unwesentlichen Teil der Ergebnisse um schlichte Forschungsartefakte handeln und nicht die Entdeckung des Steins der Weisen.

Ist die Hirnforschung aktuell relevant für Personaldiagnostik?

Trotz der „Fischstudie“ ist natürlich das Gros an Forschung von seriöserer Natur. Zweifellos hat die neurowissenschaftliche Forschung in den letzten Jahren rasante Fortschritte gemacht und dazu beigetragen das Gehirn etwas besser zu verstehen. Insbesondere in Fachgebieten wie der Neurochirurgie ist die Methode von enormem Nutzen, etwa wenn vor einer Operation das Sprachzentrum mittels real time fMRI lokalisiert werden kann. Allerdings sind immer noch zentrale Fragen über das Gehirn unbeantwortet, angefangen bei der Natur eines Gedanken oder des Bewusstseins. Auch ist es immer schwer absehbar, ob neue Erkenntnisse der Grundlagenforschung irgendwann auch in einem praktischen Nutzen gipfeln.

Für die Personaldiagnostik ist solch ein Nutzen bisher noch lange nicht absehbar. Standardisierte, validierte und verfälschungssichere Testverfahren sind auf absehbare Zeit noch nicht in Sicht.

Also selbst wenn eine Personalabteilung gerade einen Scanner zur Hand hätte und Bewerber bei der Bitte nach Hirninnenansicht nicht gestikulierend seine Abneigung kundtun würde, dann wäre der praktische Nutzen immer noch sehr begrenzt. Bevor eines Tages auch neurowissenschaftliche Erkenntnisse genutzt werden können, bleiben Interviews, kognitive Leistungstests und Co. unersetzlich. In verwandten Themengebieten wie dem „Neuromarketing“ oder „Neuroleadership“ ist eine Portion gesunde Skepsis sicher auch nicht verkehrt.