Vorbei die Zeiten von zeitraubenden Interviews, Testverfahren und Assessment Centern. Geeignete Bewerber lassen sich viel einfacher erkennen: Die Form der Wangen, Beschaffenheit des Kinns oder die allgemeine Ähnlichkeit eines Gesichtsträgers mit einem anderen Säugetier geben genug Auskunft – so jedenfalls behauptet es die Zunft der Psycho-Physiognomen (im Volksmund auch Schädeldeuter genannt). Teil I über Kuriositäten der Personaldiagnostik, zusammengetragen vom Enfant terrible des viasto Blogs, Falko Brenner…

Was ist Schädeldeutung oder Psycho-Physiognomik?

Psyche, die Seele; Physis, der Körper; ergo ist Psycho-Physiognomik die „Lehre von der Beurteilung der äußeren Gestalt eines Menschen, der Projektion der Psyche durch die lebendige Gestalt, die besonders aus den Gesichtsformen und der Mimik“ (Castrian, 2004, S.2). Um es auf den Punkt zu bringen: Psycho-Physiognomik ist primär die Leere der Schädeldeutung, auch wenn Körperpartien unterhalb des Halses immer wieder Opfer perfider Deutungsversuche werden.

Dazu aber mehr beim Thema Körpersprache. Diese geistige Errungenschaft, welche kulturhistorisch sicher fast so bedeutsam einzuordnen ist wie die Erfindung der Wünschelrute und des quadratischen Rads, wird neben Jahrmärkten auch auf dem Personalmarkt angeboten.

Ein kurzer geschichtlicher Abriss

Bereits Aristoteles beschäftigte sich im antiken Griechenland mit der Kunst der Schädeldeutung. Insbesondere interessierte er sich für die Frage, was die Gesichtsform eines Menschen über dessen Wesen aussagt. Hilfreich waren hierbei Tiervergleiche. Die Ähnlichkeit mit einem Kamel deutet etwa auf beschränktere kognitive Fähigkeiten hin, Assoziationen zu Borstentieren sollen dem Leser hier erspart bleiben.

Nach der finsteren Epoche des Mittelalters war es dann der badische Arzt Franz Joseph Gall, der heute als Begründer der Phrenologie bekannt ist und somit der ideologische Urahne der zeitgenössischen Schädeldeutungszunft. Nach der Theorie Galls gibt es 27 Organe oder Areale im Gehirn, die alle für bestimmte „Sinne“ zuständig sind. Dazu gehören etwa der Sinn des Kampfes und der Sinn des Wunderbaren. Je größer nun ein Areal mit dem dazugehörigen Sinn ausgeprägt ist, desto mehr drückt dieser Sinn von innen gegen den Schädel und wölbt diesen. Die moderne Schädeldeutung war geboren.

Nach der Vorarbeit von Gall gab es schließlich den Portraitmaler Carl Huter, Namensgeber der Carl Huter Akademie in der Schweiz, wo sich jeder Interessierte gegen ein angemessenes Studiengeld zum Dipl.-Physiognomen CHA ausbilden lassen kann. Billiger gibt es jedenfalls einen Ehrendoktor in Ufologie bei bekannten Onlineschnäppchenportalen.

Augen, Lippen, Ohren, Stirn, Mund… – Was besagt die Psycho-Physiognomik?

Die Schädeldeutung besagt, dass prinzipiell jedes Körperteil einen Aussagewert hat. Augen, Lippen, Ohren, Stirn, Mund oder die Nase verraten etwas über den Besitzer: Eine große Oberlippe verrät Kontaktfreudigkeit, eine große Unterlippe Kraftbewusstsein und Sinnlichkeit und eine große Nase steht für Ehrgeiz, Gestaltungsbedürfnis und selbstdarstellerische Fähigkeiten. Andere Deutungen zu großen Nasen finden sich auch im Psycho-Physiognomischen Lehrvideo Kegelclub Finsdorf auf Malle 2008 und lauten „ Wie die Nase eines….“.

Wie steht es um die wissenschaftliche Evidenz? Tja, …

Da Begriffe wie Evidenz, Validität, Statistik oder das Popper’sche Falsifikationsprinzip nur von Personen mit großer Kamelähnlichkeit verwendet werden, bevorzugen Experten der Psycho-Physiognomik lieber die Einzelfallinduktion. „Das Kinn ist ein Merkmal für Willenskraft und Festigkeit. Michael Schumacher hat demnach einen großen Impuls, seinen Willen durchzusetzen” (Geling & Sternemann, 2007). Nach gleicher Logik kann also auch der medizinische Laie den Schluss ziehen, dass Zigarettenrauchen ein langes Leben beschert. Wie man offensichtlich an Helmut Schmidt sehen kann.

Die seriösen Wissenschaften kommen jedenfalls zu einem eindeutigen Schluss, was von der Schädeldeutung zu halten ist: Nichts! Zwar gibt es Studien die zeigen können, dass äußere Merkmale wie Attraktivität mit gewissen Stereotypen einhergehen, jedoch sind die theoretischen Annahmen über das „Naturell“ des Menschen nicht gerade mit Ergebnissen der Grundlagenforschung kompatibel.
Vielleicht lässt sich auch irgendwann ein Geldgeber finden, der eine Studie finanziert, die untersucht, ob die Sinnlichkeit einer Person mit der Lippengröße korreliert und ob Silikon in dieser Beziehung eher als Moderator oder Mediator zu sehen ist. Ansonsten sitzt der Deuter einem Potemkinschen Gesicht auf, wenn chirurgisch nachgeholfen wurde.

Die mit einem Höchstmaß an Kreativität hergeleiteten Verbindungen zwischen Anatomie und Persönlichkeitsmerkmalen sind schlicht nicht haltbar, jedoch ist jeder Psycho-Physiognom ob mit oder ohne Diplom von der Carl Huter Akademie herzlichst eingeladen, das Gegenteil zu beweisen. Fest steht: Die Psychophysiognomik ist weder Wissenschaft, seriös, geschweige denn eine geeignete Methode der Personaldiagnostik. Für eine etwas ausführlichere Darstellung wird der geneigte Leser auf Kanning (2010) verwiesen.

Literatur

Castrian, W. (2010). Lehrbuch Psycho-Physiognomik. Antlitzdiagnostik für die Praxis. Stuttgart: Haug.

Kanning, U.P. (2010). Von Schädeldeutern und anderen Scharlatanen. Unseriöse Methoden der Psychodiagnostik. Lengerich: Papst Science Publishers.

Gelin, R., & Sternemann, C. (2005). Jobsuche: Was die Gesichtsdiagnose verrät. Myjob, 2007, 2, 24-27.