Bevor Sie jetzt weiterlesen: Die folgenden Beispiele beispiellosen Verhaltens sind nicht ausgedacht, sondern das Ergebnis einer Studie von Kutcher, Bragger und Masco (2013)*, die so genannte No Go’s im Einstellungsgespräch aus Bewerbersicht untersucht haben. Nur etwas bildlicher dargestellt und im Sinne redaktioneller Freiheit formuliert. Ihr Falko Brenner, enfant terrible des viasto Blogs.

Der Ton macht die Musik. Was Großmütter schon immer wussten, das trifft auch auf das klassische Einstellungsinterview zu. Egal wie gut Sie ihre Fragen vorbereitet haben: Wenn Sie einen der folgenden Fauxpas begehen, haben Sie erfolgreich einen Beitrag dazu geleistet, dass sich Ihr Unternehmen in puncto Ansehen bei den Bewerbern Gefilden nähert, die sonst nur Nordkorea in der internationalen Staatengemeinschaft betritt.

1.Den Bewerber mit falschem Namen ansprechen. „Eine Sache würde ich gerne noch von Ihnen wissen Herr Müller: Beschreiben Sie mir doch bitte eine Situation, in der Sie…“. Wieso schaut der Kandidat so entgeistert, schießt mir durch den Kopf. So unerwartet wird die Frage doch nicht sein. Auch in seinem Anschreiben hat er doch groß seine Kompetenzen im Umgang mit solchen Situationen beschrieben! Zur Sicherheit noch mal schnell auf das Anschreiben geschaut – Hoppla, wie hatte ich ihn genannt? Müller? Meier? Es ist Meier. Müller war der Totalausfall vor ihm. Mach das Beste aus der Situation und vergiss nicht ein Lächeln aufzusetzen. „Müller, Meier, entschuldigen Sie, ach Sie wissen ja“ – GONG.

2. Eine SMS während des Interviews verschicken. „Können Sie mir bitte noch einmal etwas detaillierter schildern, wie es zu dieser Situation kam?“ Handy aus der Tasche, die Gedanken sortieren, die Wut zügeln, die Nachricht auf der Zunge zergehen lassen. „Mir ist der Maulwurf egal!“ hat sie geschrieben. Das kann nicht unbeantwortet bleiben. Es geht immerhin um unseren Garten. Also hopp, schön nicken, schnell tippen und dann geht’s weiter…- GONG.

3. Fakten über die Firma nicht wissen, wenn der Bewerber endlich fragen darf. „Können Sie mir vielleicht sagen, ob es bei der ausgeschriebenen Position auch die Möglichkeit gibt, die Niederlassung in Guatemala kennen zu lernen, eventuell im Rahmen eines Expatriate-Programms?“ Gua-was? ÄÄÄH – „Kann ich Ihnen leider jetzt nicht beantworten. Fragen Sie einfach den Schulze, wenn Sie den Job bekommen.“ – GONG.

4. Den Lebenslauf sich gar nicht anschauen und ihn auch nicht mit zum Interview nehmen. „Es kann sein, dass Sie bei dieser Position auch mal mit dem Dienstwagen alleine zu einem Außentermin müssen. Haben Sie denn einen Führerschein? Viele Bewerber lesen das nämlich nicht in der Stellenanzeige und dann stellt sich heraus, dass sie noch nie selbst in einem Auto hinterm Steuer saßen“.
„Wie Sie meinen Bewerbungsunterlagen nebst Zeugnissen entnehmen konnten, war ich zehn Jahre freiwillig und zwei Jahre Vollzeit bei der Feuerwehr als Rettungssanitäter und bin berechtigt wie erfahren, alle Fahrzeugklassen zu führen –nebst Personenbeförderungsschein.“
Blick in die Unterlagen. Stimmt. DER war das.
„Hätten wir das geklärt.“ – GONG.

5. Den Kandidaten unterbrechen, bevorzugt wiederholt, selbst wenn er nicht redet wie ein Wasserfall. „Ja, hab ich verstanden, jetzt kommen Sie bitte zum Punkt.“
„Ich dachte, ich solle die Ausgangslage beschreiben, wie es zu dieser Situation kam.“
„Ja, schon, aber in 30 Minuten kommt der nächste Bewerber. Wenn Sie also bitte zum Punkt kommen würden. Sie haben die Abteilung geleitet usw., der Herr XY hat nachgewiesen blau gemacht, auch wenn er privat unter Strom stand usw. Ich persönlich möchte wissen: Haben Sie Ihn jetzt rausgeschmissen oder nicht?“ – GONG.

6. Aufstehen und Händeschütteln wird völlig überschätzt. Reinkommen, setzen, los geht’s. „Das Eis muss man brechen“, hatte eine blonde Trainerin bei einem Seminar gesagt, zu dem mich mein Chef wegen angeblicher Entwicklungsfelder im Bereich sozialer Kompetenzen geschickt hatte. Sehe ich aus wie ein Eisbrecher, der die Nordpassage freibrechen soll? Ganz einfach: Wenn Herr Müller – äh Meier – den Job will, dann soll er sich setzen, meine Frage beantworten und dann schauen wir mal! – GONG.

7. Desinteressiertes „In-die-Luft-Starren“, wenn der Kandidat eine Frage beantwortet. Der dritte Spätburgunder hätte gestern wirklich nicht sein müssen. Ja, ich habe es kapiert: Du bist so teamfähig, hast bei allen Big Four ein Praktikum gemacht und deinen J.D. in Yale, ja. Gerade interessiert mich eigentlich nur, wer dieses scheußliche Bild im Konferenzraum aufgehangen hat. Die Blümchentapete meiner Oma macht da noch mehr her… – GONG.

Und jetzt überlegen Sie mal, wie viele dieser Prachtstücke Sie im Videointerview umsetzen können…

PS: Diese Beispiele beispiellosen Verhaltens sind nicht ausgedacht, sondern das Ergebnis einer Studie von Kutcher, Bragger und Masco (2013), was für Bewerber einfach gar nicht geht. Nur etwas bildlicher dargestellt…

*Kutcher, E. J., Bragger, J. D., & Masco, J. L. (2013). How interviewees consider content and context cues to person-organization fit. International Journal of Selection and Assessment, 21, 294 – 308.