Das mobile Internet setzt seinen Siegeszug ungehindert fort. Mobile ist das neue Online, heißt die Devise. Laut neueren Studien nutzen die meisten Menschen in der westlichen Welt bereits zwei bis drei Geräte, um online zu sein. Auch verschwimmen die Grenzen zwischen „mobiler“ und „stationärer“ Internetnutzung durch technische Innovationen zunehmend.

Im HR geht der Trend ebenfalls zu mobile, da die Internetnutzug nicht länger auf Desktop oder Laptop beschränkt ist. Bewerber können sich über Apps bewerben, in mobile optimierten Jobbörsen nach passenden Stellen suchen und die ersten Einstellungstests und Personalauswahlverfahren von unterwegs aus machen. Tendenz steigend.

Aber Vorsicht: Eine neue Studie konnte nun zeigen, dass Testergebnisse von Desktop vs. mobilen Geräten nicht unbedingt vergleichbar sind.

Dies sollte Personalverantwortlichen bewusst sein, die ihre Bewerber nach Eignung und nicht nach Endgerät auswählen wollen.

Hierzu liegt nun aus den USA die ersten größere Studie vor, die in der neuesten Ausgabe des International Journal of Selection and Assessment publiziert wurde. Ein Forscherteam um Winfred Arthur Jr. von der University Texas A&M University (traditionell eine der Hochburgen in Sachen Eignungsdiagnostik) analysierte hierfür Daten von nicht weniger als 3,5 Millionen Online-Assessments und kam zu folgenden Ergebnissen:

  • Nur eine verschwindend geringer Anteil von knapp unter 2% aller untersuchten Assessments wurde bisher überhaupt von mobilen Endgeräten durchgeführt
  • Die Testergebnisse von Persönlichkeitsinventaren unterscheiden sich nicht in Abhängigkeit von mobile versus stationärem Endgerät. Mit Smartphone dauert es lediglich etwas länger, einen baugleichen Test zu bearbeiten – was bei dem kleineren Display nicht weiter verwundert. Auch situative und biographische Tests scheinen vergleichbar.
  • Leistungstests, die auf kognitive Fähigkeiten abzielen, wiesen dagegen deutliche Unterschiede zwischen mobil und stationär auf: Personen, die solch einen Test mit einem mobilen Endgerät durchführten, schnitten im Durchschnitt schlechter ab als solche, die den Tests auf einem Desktop oder Laptop durchführten.
Was sind Gründe für das schlechtere Abschneiden bei Leistungstests?

Die Gründe, warum Personen bei kognitiven Tests schlechter abschneiden, wenn sie ein mobiles Endgerät nutzen sind nicht weiter verwunderlich:

1// Bei kognitiven Tests wird die Maximalleistung gemessen: Die Aufgabe für Bewerber besteht darin, möglichst viele Aufgaben in einer begrenzten Zeit zu meistern. Smartphones sind in diesem Punkt durch das kleinere Display per se benachteiligt. Wenn es auf Geschwindigkeit ankommt, brauchen Personen einfach länger, um die Instruktion mit Touchscreen sichtbar zu machen und die richtige Antwortoption auszuwählen.

2// Ablenkung: Ein großer Vorteil des mobilen Internets besteht eben darin, fast immer und überall online zu sein. So zum Beispiel auch in der U-Bahn. Dies bringt natürlich auch ein größeres Maß an Ablenkung mit sich, was sich wiederum negativ auf Konzentration und Testperformance bei Leistungstests auswirkt.

Schlussfolgerungen und Tipps

Für Praktiker wie Bewerber ergeben sich hieraus folgende Schlussfolgerungen fürs Mobile Recruiting:

  • Persönlichkeitsinventare und andere Tests, die nicht Maximalleistung bei beschränkter Zeit messen, können auch für mobile Endgeräte adaptiert angeboten werden. Usability ist hierbei ein Muss.
  • Vorsicht bei Leistungstests für mobile Endgeräte:

RECRUITER –> Testergebnisse sind nicht vergleichbar wenn sie von Smartphone vs. Desktop Computern durchgeführt wurden. Man sollte Kandidaten darauf hinweisen, dass sie in Abhängigkeit des Endgerätes eventuell ein schlechteres Ergebnis erzielen würden. – soweit der eingesetzte Test überhaupt mobil abrufbar ist (Ihr Assessment Anbieter wird Ihnen dies sagen können).

BEWERBER –> Kleine Displaygröße und eventuelle Ablenkung können ein Testergebnis deutlich verschlechtern. Einstellungstests daher in ruhiger Umgebung, ausreichend großem Display (nicht kleiner als Tablet) und angemessener Tageszeit (vormittags) durchführen.

Wie sieht es bei Videointerviews aus?

Für Recruiter stellt die Evaluation zeitversetzter Videointerviews von mobilen Geräten kein Problem dar. Für Bewerber stößt aber die Aufzeichnung zeitversetzter Videointerviews per Smartphone von unterwegs durch Umwelteinflüsse und die verhältnismäßig kleine Displaygröße auf Grenzen. Hier sollte dann doch lieber eine ruhige Umgebung, ein Endgerät, mit dem die Fragen ohne Zoomen lesbar sind und eine feste Unterlage während der Aufzeichnung gewählt werden.

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Referenzen

Arthur, W. Jr., Doverspike, D., Muñoz, G. J., Taylor, J. E., & Alison, A. E. (2014). The use of mobile devices in high-stakes remotely delivered assessments and testing. International Journal of Selection and Assessment, 22, 113 – 123.

Morelli, N. A., Mahan, R. P., & Illingworth, A. J. (2014). Establishing the measurement equivalence of online selection assessments delivered on mobile versus nonmobile devices. International Journal of Selection and Assessment, 22, 124 – 138.